Geschichte Schweizerhaus Seelow - Simonsche Anlagen


Kleinod am Rande des Oderbruchs

 

Die Geschichte des Schweizerhauses liest sich wie eine tour de force durch das 20. Jahrhundert. Vom Ausflugslokal zum landwirtschaftlichen Mustergut. Vom Treffpunkt der Künstlerelite der Weimarer Republik bis zur Enteignung durch die Nationalsozialisten. Vom Versorgungslager der Roten Armee bis zur Erklärung zum Volkseigentum und zur Abwicklung durch die Treuhand. Von der Rückübertragung an die Erben bis zum Dornröschenschlaf und der Neubelebung. All dies hat sich auf dem Gelände im Osten der Stadt, das direkt am Hang zum Oderbruch liegt, abgespielt.

 

Im September 2007 gründeten einige Enthusiasten den „Heimatverein Schweizerhaus Seelow e.V.“ mit dem Ziel, den schicksalsträchtigen Ort wiederzubeleben und seiner langen Geschichte ein weiteres Kapitel hinzuzufügen. Nach gut 20 Jahren Dornröschenschlaf holten die Vereinsmitglieder ab 2010 das einstige Mustergut zurück aus der Umarmung der Natur. Sie lichteten den Wildwuchs an den Hängen, in der Parkanlage sowie auf allen Wegen, legten Stützmauern, Pergolen und Treppenanlagen aus Naturstein frei, die unter meterdicken Humusschichten ein längst vergessenes Dasein fristeten, und öffneten die alten Sichtachsen im Park.

 

Doch der Reihe nach. Wir schreiben das Jahr 1919. Der Berliner Bankier Hugo Simon kauft das Schweizerhaus mit allen dazugehörigen Gebäuden. Zuvor hat der Fachwerkbau im Holzdekorstil ein Ausflugslokal beherbergt, mit Eiskeller, Biergarten und Konzertbühne. Wo bis dato gefeiert wurde, entsteht nun ein landwirtschaftliches Mustergut, das einmalig ist in der Mark Brandenburg. Es umfasst Edelobstanbau, Gemüsepflanzungen und Blumenbeete, eine Geflügelfarm sowie Kaninchen-, Schweine- und Waschbärenzucht. Der schnell prosperierende Ort zieht das Interesse bis nach Berlin auf sich – und tausende Besucher nach Seelow.

 

Doch wer ist er, dieser Hugo Simon? Sozialdemokrat und Pazifist. Finanzminister und Kunstmäzen. Gründer einer Berliner Privatbank. Figur der Weimarer Gesellschaft, der mit Harry Graf Kessler, Aristide Maillol und Albert Einstein verkehrt, mit Thomas und Heinrich Mann, Erich Maria Remarque, Bertolt Brecht und Kurt Tucholsky, mit Max Liebermann und Else Lasker-Schüler. Er verbindet seine Vorliebe für Kunst und Kultur mit seinem Interesse an Landwirtschaft, bald zieren Kunstwerke aufstrebender Künstler den Park, so auch der „Esel von Seelow“ der Renée Sintenis, die Bronzefigur „Tanzender Bär“ von August Gaul oder die Großporzellanplastik „Hirscheber“ von Arthur Storch. Simon lässt Blumenteppiche anlegen und Terrassenbeete, ein Bienenhaus und eine Orangerie, setzt als Pionier fahrbare Arbeitsgeräte ein – damals übrigens mit Elektromotor!

 

1933 wird Simon zur Flucht aus Nazideutschland gezwungen, sein Mustergut enteignet. Mit seiner Familie flieht Simon in die Schweiz, weiter nach Frankreich, und von dort nach Brasilien. Dort stirbt er, ohne sein Kleinod je wiedergesehen zu haben. Im April 1945, beim Kampf um die Seelower Höhen, werden Teile des Schweizerhauses zerstört, nach dem Krieg und der Übertragung ans Volk schlafen nun Lehrlinge im einstigen Herrenhaus. Der Gartenbaubetrieb immerhin wird bis in die Neunzigerjahre weitergeführt. Zu Beginn des neuen Jahrtausends wird das Gut unter Denkmalschutz gestellt und schlussendlich von den Erben an die Stadt Seelow veräußert.

  

Seit nun mehr zehn Jahre können Besucher bei Veranstaltungen und Führungen – und während des legendären Sammeltassencafés – live miterleben, wie das einstige Mustergut Stück um Stück eine neue Blütezeit erlebt. Spätestens mit der Sanierung des Haupthauses ist ein neues Kleinod entstanden, ein Arkadien am Rande des Oderbruchs, das wieder wachsende Ströme an Besuchern anzieht. Wie damals, zu Hugo Simons Zeiten, auch.